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Die Ruine im Sommer

Sie schneidet nur Lehmziegel, aber das Kreischen der Steinsäge ist eine halbe Meile weit zu hören. Der Klavierstimmer mit dem adligen Namen bedient sie. Heute hat er sogar einen Assistenten, der die beschnittenen Ziegel hineinträgt. Er ist der bisher jüngste Mitarbeiter auf dem Bau, und er arbeitet eifrig und schweigend. Mit wem sollte er auch reden? Der Zweitjüngste ist wenigstens viermal so alt wie er. In der Mittagspause hat er den Liegestuhl in den Schatten der Ruine gerückt und relaxt darin. Als ich ihn frage, ob es ihm gut gehe, antwortet er mit minimalem Aufwand in zwei Buchstaben, aber freundlich. Ich wünschte, ich hätte seine Kondition: Er trägt fünf Ziegel auf einmal. Jetzt nicht, klar – jetzt relaxt er und schweigt. Wie die Steinsäge. Sie ist übrigens ganz primitiv, hat aber einen Kühlwasserkreislauf, der auch den Lehmstaub bindet. Der Klavierstimmer, wenn er nachher weitermacht, wird es nur mit dem Kreischen zu tun haben. Dagegen trägt er aber einen beidohrigen Gehörschutz. Das Klavierstimmen ist seine eigentliche Profession, nur kann er davon nicht leben, denn wer hat denn anno 2014 schon ein Klavier? Deswegen könnte er wohl leicht sein Gehör aufs Spiel setzen. Andererseits wird er aber auch als Lehmziegelbeschneider keine wirkliche Zukunft haben.

Nach dem Mittagessen im Gh, sehr gelungene Grützwurst, sitzen nach einleitendem Geklapper und den anderen gerüsttypischen Geräuschen Veit und Daniel auf den Bohlen der dritten Ebene und sehen auf die morschen Bretter meiner Etage, soweit sie hinausragen in die Mittagshitze, und machen sich fachspezifische Gedanken. Bis ich ein Fenster hochgeschoben habe und sie mich freundlich begrinsen, sind sie schon zu Schlüssen zum weiteren Vorgehen gekommen, die sie in den nächsten zehn Minuten wieder verwerfen, modifizieren, erneuern, noch einmal bedenken, präzisieren, schon beinahe als endgültig sehen, dann aber dazu doch noch eine andere Möglichkeit erkennen – alles in vollständiger Gemütsruhe und vielfachem Einsatz der beiderseits mitgebrachten Zollstöcke.

Ich sehe zu und freue mich über diese seltene Konzentration zweier Fachleute, von denen ich weiß, dass beide die Ruine lieben und alles tun, um sie wieder zum Leben zu bringen.

Dann klopft Daniel mit seinem zusammengeklappten Zollstock auf das linkeste der fünf Verandahfelder. Es ist verkleidet mit einer bestens erhaltenen Hartfaserplatte, und er sagt: „Dies wird doch später mal ersetzt werden .."

Was meint er mit „später mal?"

Zu blöd, dass ich weiß, was er meint.

15.7.14 21:13

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Tim (16.7.14 21:03)
Ich finde es grandios, meinen Text von gestern heute abrufen zu können. Noch besser wäre, den von morgen jetzt schon mal sehen zu können. Dann könnte ich ihn gleich widerrufen.

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